Zum Hauptinhalt springen

Netzelektriker - ein Beruf mit Perspektive

Man hört und liest ja immer mal wieder, dass auch Handwerkliche Berufe die Möglichkeit bieten sich weiter zu bilden und es weit zu bringen im Leben. Das stimmt, ich möchte euch das gerne anhand eines persönlichen Beispiels näher bringen. Vor etwas über 10 Jahren habe ich einen Jungen Netzelektriker Lernenden kenn gelernt.

Ich arbeitete damals in einem grossen Stadtwerk und durfte die Lernenden Netzelektriker jeweils am Mittwochnachmittag bei ihren Hausaufgaben unterstützen. Einer der Lernenden war Gerry Gasser, ein Junger Bursche, ein richtiges Schlitzohr das vor allem «Seich im Kopf» hatte – wie wohl die meisten Jungs und Mädels in dem Alter. Ich weiss nicht mehr im Detail, welche Ausreden ich mir alles anhören musste, weshalb nun das Geodreieck nicht mehr im Rucksack ist oder weshalb der Taschenrechner zu Hause geblieben ist. Im Frühsommer 2013 hat Gerry das QV erfolgreich bestanden und darf sich seit dann Netzelektriker mit Fähigkeitszeugnis nennen. Der Start ins Berufsleben war also erfolgreich.

Im Herbst 2013 habe ich mich entschieden den Arbeitgeber und somit zurück in die Privatwirtschaft zu wechseln. Der gemeinsame Weg mit Gerry sollte also bereits wieder enden – doch dem war nicht so. Im Frühling 2015 sass ich Gerry bei seinem ersten Vorstellungsgespräch in einem Bistro gegenüber. Er hat sich bei mir und meinem Arbeitgeber um eine Arbeitsstelle als Netzelektriker beworben. So arbeiteten wir also wieder im gleichen Unternehmen. Gerry konnte und wollte vieles dazu lernen und machte beruflich wie auch persönlich grosse Fortschritte. So war es nicht weiter verwunderlich, dass er 2017 den Wunsch äusserte die Berufsprüfung zum Netzfachmann in Angriff nehmen zu wollen. Selbstverständlich haben wir sein Vorhaben voll und ganz unterstützt. Gerry hat die Aufnahmeprüfung bestanden und sich so einen Platz im Lehrgang zum Netzfachmann gesichert, welcher im Jahr 2018 beginnen sollte.

Anfang 2018 habe ich mich entschieden (mal wieder) den Arbeitgeber zu wechseln. Somit endete der gemeinsame Berufliche Weg mit Gerry abermals – oder eben nicht. Gerry hat sich ebenfalls entschieden den Arbeitgeber zu wechseln und ist mir gefolgt. Auch beim neuen Arbeitgeber haben wir Gerry bei seinem Vorhaben unterstützt – ich durfte ihn somit auch bei seiner zweiten «Ausbildung/ Weiterbildung» begleiten und unterstützen.  Die Zeit war für mich schon recht intensiv, Gerry hat aber einen richtigen Effort geleistet und gelernt, was das Zeug hält. Er hat immer und immer wieder Fragen gestellt, bis er zufrieden war mit den Antworten. Im Jahr 2019 standen dann zuerst die Vorprüfung und dann die Hauptprüfung an. Diese Prüfungen gehen jeweils über mehrere Tage. Ich bin dort als Prüfungsexperte im Einsatz, ich glaube ich war nicht mal an meiner eigenen BP so nervös wie an den Prüfungen von Gerry im Jahr 2019. Der Aufwand hat sich für Gerry jedenfalls gelohnt, er hat Vor- wie Hauptprüfung im ersten Anlauf erfolgreich gemeistert und darf sich seit dem Netzfachmann mit eidgenössischem Fachausweis nennen.

Irgendwie war absehbar, was als nächstes kommt. Gerry hatte Freude am Lernen gefunden und wollte auch die Meisterprüfung absolvieren. Ich war erst etwas skeptisch, zumal der Aufwand den Gerry betreiben hat, um die BP zu absolvieren sehr hoch war. Um an der Meisterprüfung erfolgreich zu sein, braucht es aber noch etwas mehr. Gerry war sich dem bewusst und scheute den Aufwand nicht. Somit haben wir ihn auch bei seinem zweiten Weiterbildungswunsch vollkommen unterstützt. Gerry’s Fragen wurden zunehmend komplexer, ich musste meine Schulbücher wieder aus dem Schrank holen um wenigstens die Mehrheit seiner Fragen zufriedenstellend beantworten zu können. Es war für mich sehr interessant zu sehen, wie gut organisiert und strukturiert Gerry an die Aufgabe heran ging. Immer wieder trafen er und seine Klassenkameraden sich zum Lernen. Sei es vor Ort oder pandemiebedingt online. Ich durfte auch das eine oder andere Mal für die Lerngruppe Rede und Antwort stehen. Im Frühling 2022 stand dann die Abschlussprüfung an. Auch bei der Meisterprüfung bin ich als Experte tätig und nehme jeweils mündliche Prüfungen ab. Als Gerry zu «meinem» Fach kam musste ich selbstverständlich in den Ausstand treten und vor der Tür warten. Das war keine schöne halbe Stunde, ich war so richtig angespannt und nervös – besser ich als Gerry… Er hatte das richtige gelernt und seine Nerven im Griff, Gerry hat auch die Meisterprüfung im ersten Anlauf erfolgreich absolviert. Chapeau Gerry!

Heute, noch kein Jahr nach Gerry’s erfolgreicher Meisterprüfung ist er eine der wichtigsten Stützen in unserem Team. Wir können nach und nach Aufgaben und Verantwortung an ihn Abgeben und stehts auf ihn zählen. Seitdem ich Gerry kenne, hat er sich vom «Lausbub» zum gestanden Netzelektrikermeister, Fachmann und Familienvater entwickelt. Ich persönlich bin dankbar und ja, auch ein bisschen stolz, dass ich Gerry über eine so lange Zeit auf seinem Berufsweg und auch persönlich bergleiten durfte und hoffe natürlich, dass ich das noch lange darf. In all den Jahren ist Gerry für mich weit mehr als ein Mitarbeiter geworden, ein Freund und vielleicht auch ein bisschen Familie sicher jedoch ein Teil meiner Netzelektrikerfamilie. Ich bin gespannt was unser gemeinsamer Weg noch zu bieten hat.

Am Beispiel vom Lernenden Netzelektriker Gerry Gasser sieht man, dass mit viel Fleiss und Leidenschaft auch grosse Ziele erreicht werden können. Und das gerade mal knapp 10 Jahre nach dem Lehrabschluss!  Man muss nur wollen und den Aufwand auf sich nehmen – es lohnt sich.

gerry


Pascal Weber
Netzelektrikermeister
Aktuar Verein netzelektriker-forum
Chef von Gerry